30 oder 120 Jahre NABU in Dresden?

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Arbeitseinsätze für Schwarzpappeln       im Oktober 2020

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Katastrophales Insektenstrben!

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Kontakt

Anschrift des Vereins:

 NABU,
 Naturbewahrung Dresden e.V.

 Leibnizstraße 14

 01187 Dresden

 

Telefon:

 01578 2333 139

 

E-Mail:

 info@naturbewahrung-dresden.de

 

Vorstand:

 Nicole Mager 

 Dr. Karl-Hartmut Müller
 Dr. Hanno Voigt
  



  

30 Jahre NABU –                                                   und doch fast 120 Jahre NABU in Dresden

Im Jahr 2020 feiern wir, dass unser „NABU-Regionalverband Dresden“ im Juli 1990 gegründet wurde und zwar als Untergliederung des vorher neu entstandenen NABU-Landesverbandes Sachsen. Später wurden auch NABU-Gruppen aus dem damaligen Landkreis Meißen in den Verband integriert und er wurde in Regionalverband Meißen-Dresden umbenannt. Heute heißt er Regionalverband Dresden-Meißen und er hat inzwischen über 6000 Mitglieder! Sie kämpfen gemeinsam darum, dass unsere Tier- und Pflanzenwelt nicht ganz unserer Zivilisation mit ihrer immer intensiver werdenden Landnutzung geopfert, sondern bewahrt und gefördert werden. Unser Regionalverband hat seit 1990 viele und bedeutsame Erfolge erreicht. Davon zeugen die zahlreichen Beiträge in all den Jahren in unserem Programmheft. Die meiste Naturschutzarbeit wird in unseren Fach-, Arbeits- und weiteren Gruppen geleistet. Zusätzlich bemüht sich der Vorstand des Regionalverbandes auch, seine sehr zahlreichen Mitglieder, die nicht zu Fachgruppen gehören, jedoch mit dem NABU sympathisieren, seine Ziele bejahen und ihn naturschutzpolitisch unterstützen möchten, mit Hilfe unterschiedlicher Veranstaltungen möglichst gut in das Verbandsleben zu integrieren. Auch dafür sind zahlreiche Beispiele in der Reihe unserer Programmhefte zu finden.
Der NABU ist nicht nur in Deutschland sondern auch in Sachsen und in Dresden der mitgliederstärkste Naturschutzverein und ist heute bei uns ein zentraler Pfeiler des Naturschutzes.
Viele der Naturschützer, die den NABU 1990 gründeten, waren vorher im „Kulturbund der DDR“ organisiert, der 1974 durch Umbenennung aus dem 1945 gegründeten „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ hervorgegangen war. Erich Honecker hatte sich 1974 endgültig von den Träumen Walter Ulbrichts von einem kommunistischen Gesamtdeutschland verabschiedet und ließ zahlreiche Gebäude, Organisationen, Radiosender usw., deren Name „Deutschland“ enthielt, umbenennen und machte dieses Wort zu einem Unwort, das vermieden werden sollte.
Einer der Hauptaktivisten beim Neuanfang 1990 war Justus Oertner, der zusammen mit seinen Mitstreitern erreichte, dass bei der Vereinigung der Naturschützer aus dem ehemaligen Kulturbund mit dem in Westdeutschland im Vereinsnaturschutz dominierenden DBV (Deutscher Bund für Vogelschutz) der Name „NABU“ (Naturschutzbund Deutschland e.V.) auch für den neu zu gründenden Gesamtverband übernommen wurde. Damit wurde nicht nur berücksichtigt, dass die zahlreichen Fachgruppen des Kulturbundes sich der Betreuung, der Untersuchung und dem Schutz eines sehr breiten Spektrums an Arten und Lebensgemeinschaften gewidmet hatten und nicht auf Vogelschutz im engeren Sinne begrenzt waren, sondern ebenso, dass auch der DBV selbst – trotz seines traditionsgeprägten auf Vogelschutz verweisenden Namens – längst die gesamte Breite des Naturschutzes in seine Vereinsziele und sein Arbeitsprogramm aufgenommen hatte.
Die Wirksamkeit des Kulturbundes innerhalb der Naturschutzszene der DDR wird oft überschätzt. Eine mindestens genauso wichtige Säule des Naturschutzes war damals der ehrenamtliche Naturschutzdienst bestehend aus Bezirks- und Kreisnaturschutz- beauftragten (KNB) und Naturschutzhelfern. Dieser Dienst, dessen Aufgabe darin besteht, die Behörden beim Durchsetzen der Naturschutzgesetze vor Ort zu unterstützen, hat eine lange Tradition in Sachsen und existiert noch heute.

Justus Oertner (1946 – 2007)               Heinz Kubasch (1923 – 2013)

Quelle: Archiv NABU Sachsen                Foto: R. Pfannkuchen

Dass der Naturschutzdienst bei uns regelmäßig auf hohem wissenschaftlichem Niveau fachlich geschult wurde, ist vor allem dem langjährigen Bezirksnaturschutzbeauftragten des Bezirks Dresden Heinz Kubasch zu verdanken. Da der behördliche Naturschutz in der DDR personell sehr schwach ausgestattet war, hatte der Naturschutzdienst damals eine weit größere Bedeutung als heute, weil es nunmehr personalstarke Naturschutzbehörden und zahlreiche kommerziell arbeitende naturschutzbezogene „Büros“ gibt.

 

 

KNB Rainer Pfannkuchen und Naturschutzhelfer Karl Gerlach Anfang der 80er Jahre bei Pflegearbeiten im Dresdner FND „Läusebusch im Nötnitzgrund“

Foto: R. Freund

Viele frühere Aktivtäten des Naturschutzdienstes der DDR sind bis heute von Bedeutung! So hat beispielsweise der damalige KNB von Dresden Rainer Pfannkuchen - gestützt auf seine Helfer - in den 1980er Jahren zahlreiche FND unterer Schutz stellen lassen, die heute wesentlicher Bestandteil der Schutzgebietskulisse Dresdens sind.
Der Naturschutzdienst in der DDR wie auch die im Kulturbund aktiven Naturschützer erhielten außerdem sehr wertvolle fachliche Unterstützung durch das ILN (Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz Halle) einschließlich seiner Außenstellen – u.a. in Dresden. Das ILN betrieb nicht nur eigene Forschung, sondern es gab auch bedeutsame naturschutzbezogene Schiften heraus wie beispielsweise die Jahreszeitschrift „Naturschutzarbeit in Sachsen und …“ oder das „Handbuch der Naturschutzgebiete der DDR“. Die meisten Naturschutzhelfer sind heute gleichzeitig Mitglieder von Naturschutzvereinen – viele davon im NABU.
Die Wurzeln des NABU in Sachsen und insbesondere auch in Dresden liegen jedoch keinesfalls allein in der Zeit von 1945 bis 1990, sondern sie reichen weit zurück – bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts! Der heutige NABU bzw. sein historischer Vorläufer wurde 1899 von Lina Hähnle als „Bund für Vogelschutz“ (BfV) gegründet und ist der älteste Naturschutzverein in Deutschland. Der BfV etablierte sich Anfang des 20. Jahrhunderts im gesamten Deutschen Reich vom Elsaß bis nach Ostpreußen wie auch in deutschsprachigen Gebieten außerhalb Deutschlands wie beispielsweise in Luxemburg, der Schweiz, Österreich-Ungarn oder im russischen Reich. Auch in Sachsen entstanden anfangs des 20. Jahrhundert zahlreiche BfV-Ortsgruppen, so in Annaberg, Arnsdorf, Bautzen, Bischofswerda, Borsdorf, Chemnitz, Dresden, Freiberg, Görlitz, Gröba, Hubertusburg-Wermsdorf, Klotzsche, Leipzig, Leutzsch, Meißen, Nossen, Olbernhau, Ottendorf-Okrilla, Plauen, Priestewitz, Reichenbach i.V., Sayda, Zeitz, Zittau, Zschopau, Zwickau. Der BfV als Vorläufer des NABU ist somit seit fast 120 Jahren in Sachsen und in Dresden präsent. Manche heutige NABU-Gruppen sehen sich als direkte Nachfolger der damaligen BfV-Gruppe in ihrem Ort. Für die Fachgruppe Ornithologie Dresden ist dies die Dresdner BfV-Gruppe, die (spätestens) 1904 gegründet worden war!
Der wörtliche Auszug aus der ersten Version der Satzung des BfV von 1898,

 

zeigt, dass der BfV anfangs noch ganz auf Vogelschutz im engeren Sinne fokussiert war. Die Einschränkung „unserer nützliche Vögel“ entspricht dem anthropozentrischen Zeitgeist in
der gesamten damaligen Naturschutzszene, als man die Schutzwürdigkeit von Pflanzen und Tieren noch von deren Nutzen bzw. (angeblichem) Schaden für den Menschen, ihrer Schönheit usw. abhängig machte. Denn die um die Jahrhundertwende entstandene Naturschutzbewegung war zunächst eine spontane Reaktion auf die massiven Eingriffe in die Tier- und Pflanzenwelt und die unbebaute Landschaft, die sich mit der Gründerzeit mit ihrer Industrialisierung und ihrer massiven Neuversiegelung der Landschaft infolge der Ausdehnung der Siedlungsgebiete ergeben hatten. Seit dieser Zeit unterliegt der Naturschutz bis heute ununterbrochen Lernprozessen, was damals beispielsweise darin zum Ausdruck kam, dass wenige Jahre nach der Gründung des BfV in dessen Satzung „unserer nützliche Vögel“ durch „der Vogelwelt“ ersetzt und die Aktivitäten des BfV auch auf andere Lebewesen als Vögel und ganze Lebensgemeinschaften ausgedehnt wurden. Auch war der BfV am Anfang des 20. Jahrhunderts mit anderen Vereinen darunter (besonders im Erzgebirge) „Vogelliebhabervereinen“, vernetzt , was die Grenzen zwischen echtem Vogelschutz und Vogelliebhaberei – einschließlich der beliebten Haltung von Singvögeln in Käfigen – fließend machte, aber andererseits das einfache Volk für Naturschutz sensibilisierte. Daneben gelang es damals dem BfV, zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten, darunter viele Adlige als Mitglieder zu gewinnen, u.a. auch die Könige von Württemberg und Sachsen!

Lina Hähnle (1851– 1941)           Gerhard Creutz (1911– 1993)

Quelle: NABU                               Foto: R. Schipke

Zu den frühen Aktivitäten des BfV in Sachsen gehört der Erwerb von Flächen für den Naturschutz. So befindet sich am Stadtrand von Dresden die 1927 vom BfV erworbene, reichlich 1,2 Hektar große Fläche, mit dem „Birkwitzer See“ in einem Altarm der Wesenitz, die damals Heimstätte wie auch Rastplatz für zahlreiche Wasservögel war. Inzwischen ist dieser See bis auf kleine Restgewässer ausgetrocknet – wahrscheinlich wegen des Kiesabbaus in unmittelbarer Nähe. Trotzdem handelt es sich immer noch um ein wertvolles Feuchtbiotop, das heute zum Flächennaturdenkmal „Birkwitzer Graben“ gehört und Eigentum der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe ist. Sie wird von Dresdner NABU-Mitgliedern, insbesondere aus der Gruppe „NABU, Naturbewahrung Dresden e.V.“ und der NAJU (Naturschutzjugend des NABU) betreut.

FND „Birkwitzer Graben“ im Mai 2020

Foto R. Michalk

 

Arbeitstreffen Dresdner NABU- und NAJU-Mitglieder am a FND „Birkwitzer Graben“

Foto V. Schröder-McKillop

Dass die Dresdner BfV-Ortsgrupe von besondere Wichtigkeit für den BfV war, kommt dadurch zum Ausdruck, dass Lina Hähnle und ihr Mann Hermann Dresden häufig besuchten.


In der Zeit von 1933 bis 1945 bestand der DfV grundsätzlich weiter, wurde allerdings in „Reichsbund für Vogelschutz (RfV)" umbenannt und nach und nach immer mehr gleichgeschaltet. Ein beachtlicher Teil seiner Mitglieder und seiner Führung waren dem System durchaus zugeneigt oder zumindest angepasste Mitläufer. Analoges gilt für die damaligen Mitglieder des Naturschutzdienstes. Andererseits führten diese Menschen die in der Kaiserzeit entstandene und in der Weimarer Republik weiterentwickelte Naturschutzarbeit kontinuierlich fort. Nach dem Krieg wurden in den westlichen Besatzungszonen mit Duldung der Besatzungsmächte ab 1946 die ersten Gruppen unter dem alten Namen BfV vor Ort wieder aktiv. Ab 1948 wurde der BfV auch in der sowjetischen Besatzungszone und somit auch in Sachsen wieder zugelassen. Jedoch wurden dann bald alle Naturschutzgruppen in der Zone und der späteren DDR in den
anfangs erwähnten, bereits im Juli 1945 gegründeten Kulturbund mit dem Ziel überführt, sie besser kontrollieren und leichter ideologisch beeinflussen zu können. Namhafte Naturschützer und Ornithologen, die nach 1945 in unserem Raum für Kontinuität in der Arbeit und gleichzeitig für einen Neuanfang sorgten, waren u.a. Gerhard Creutz, Rudolf Pätzold und Hans Jokisch, der insbesondere die Vogelarten an der Kunathschen Lehm- und Kiesgrube erfasste, die nach ihrer Stilllegung auf Vorschlag von Naturschutzhelfern zunächst als FND unter Schutz gestellt wurde und heute zum NSG „Ziegeleigruben Prohlis und Torna“ gehört.


Von 1937 bis er 1940 eingezogen wurde, war Gerhard Creutz Leiter der der Dresdner Ortsgruppe. Er bewahrte als wertvolles Dokument deren Mitgliederliste auf, die dem Verfasser dieser Zeilen vorliegt. Sie enthält 150 Personen aus allen Schichten der Bevölkerung, einfache Arbeiter, Akademiker, Künstler usw. Alle anderen Dokumente der Dresdner Ortsgruppe sind am 13.Februar 1945 verbrannt.


Wir sehen mit großem Respekt, was die sächsischen Naturschützer als Mitglieder des BfV und später des Kulturbundes bzw. im ehrenamtlichen Naturschutzdienst im 20. Jahrhundert für die Bewahrung unseres Naturerbes geleistet haben, ein Fundament auf dem der NABU Sachsen und unser Regionalverband ab 1990 ihre erfolgreiche Naturschutzarbeit beginnen konnten. Wir nehmen uns nicht das Recht heraus, das politische Mitläufertum vieler früherer Naturschützer in den großen politischen Wirren des 20. Jahrhunderts anzuprangern!


Quellen:

- Horst Hanemann, und Jürgen M. Simon. Bund für Vogelschutz: Die Chronik eines

  Naturschutzverbandes von 1899-1984. Wirtschaftsverlag, 17.
- Internetbeiträge des Naturschutzbund Deutschland e.V.


Dank:

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Herrn Jürgen M. Simon aus Remseck, der uns Material zu den frühen Aktivitäten des NABU (bzw. dessen Vorläufer BfV) in Sachsen aus seinem BfV/DBV-Privatarchiv, mit dem er der den Nachlass von Lina Hähnle und weiteres Material sorgfältig hütet, großzügig und mit großem Aufwand zur Verfügung stellte.


Karl-Hartmut Müller